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ICALA trauert um Peter Hünermann (1929-2025)

ICALA trauert um den verstorbenen Mit-Gründer Peter Hünermann (1929-2025) und erinnert in Hochachtung an seinen Einsatz für den wissenschaftlichen Austausch mit Lateinamerika

 

Der emeritierte Tübinger Dogmatiker Peter Hünermann und Mit-Begründer von ICALA wurde am 8. März 1929 in Berlin geboren, am 21. Dezember 2025 verstarb er in einem Pflegeheim in Erligheim bei Ludwigsburg.

 

Nach den ihn tief prägenden Erfahrungen des 2. Weltkriegs und dem Abitur, das er 1949 in Aachen ablegte, entschied er sich bewusst für ein Theologiestudium, das er im Herbst 1949 in Rom aufnahm. Als Priesteramtskandidat einer deutschen Diözese lebte er am vom ignatianischen Geist geprägten Collegium Germanicum et Hungaricum und studierte an der Università Gregoriana; nach der Priesterweihe 1955 in Rom begann Hünermann an der Gregoriana mit dem Promotionsstudium, das er 1958 mit der Studie „Trinitarische Anthropologie bei Franz Anton Staudenmaier“ (Freiburg/München 1962) abschloss. Nach einer Kaplanszeit in Mönchengladbach und Aachen begann Hünermann mit den Arbeiten an der Habilitation; angeregt von einer Vorlesung von Max Müller im WS 1960/61 in München und vor allem durch Bernhard Welte und das Seminar für Religionsphilosophie in Freiburg setzte er sich mit den Fragen von Geschichtlichkeit und Glauben auseinander. Die Habilitation wurde 1967 von der theologischen Fakultät in Freiburg angenommen, er erhielt die Venia legendi für Christliche Religionsphilosophie und Dogmatik; im selben Jahr erschien die Studie unter dem Titel „Der Durchbruch geschichtlichen Denkens im 19. Jahrhundert. Johann Gustav Droysen, Wilhelm Dilthey, Graf Paul Yorck von Wartenburg. Ihr Weg und ihre Weisung für die Theologie“ (Freiburg/Ba­sel/Wien 1967).

 

Nach kurzer Tätigkeit als Universitätsdozent an der Fakultät in Freiburg wurde Hünermann 1971 auf den Lehrstuhl für Dogma­tik an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster berufen, 1982 dann auf den Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Tübingen, den er bis zu seiner Emeritierung 1997 innehatte. In den dogmatisch-theologischen Vorlesungen in Münster, dann in Tübingen ging es Hünermann darum, die „Geschichtlichkeit der im Glau­ben bejahten Grundrealitäten – wie Offenbarung Gottes, Kirche, Überlieferung – ansichtig zu machen“. Zentrum seines dogmatischen Denkens war die Christo­logie, Jesus Christus ist konkreter Ausdruck der Freiheitsgeschichte von Gott und Mensch, 1994 erschien die Christologie unter dem Titel „Jesus Christus - Gottes Wort in der Zeit. Eine systematische Christologie“ (Münster 1994) vor.

 

Peter Hünermann hat sein theologisches Denken aus den vielfältigen Bezügen weiter entwickelt, in denen er gestanden ist: im lebendigen Gespräch mit den zahlreichen Schülern und Schülerinnen, die aus allen Weltkontexten zunächst an die Fakultät in Münster, dann in Tübingen kamen, im Gespräch mit Kollegen in der Theologie und anderer Fachdisziplinen, mit denen er vor allem im Zuge der Präsidentschaft des Stipendienwerks Lateinamerika-Deutschland e.V. (ICALA – Intercambio cultural alemán-latinoamericano; 1975-2001), des KAAD (Katholischer Akademischer Austausch-Dienst, 1985-2002), der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie (ESCT, 1989-1995) und auch der Mitgliedschaft in verschiedenen kirchlichen Gremien, so der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz. Theologie steht für Peter Hünermann im Dienst der Kirche, die sich als „Sakrament des Heils für die Völker“ versteht, einer Kirche in der Vielfalt der Kulturen und Ortskirchen, und so hat er die gesellschaftspolitischen und kirchlichen Aufbrüche in den verschiedenen Regionen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens von Beginn an mit Interesse begleitet. Daran orientieren sich die verschiedenen wissenschaftlichen Projekte, die Peter Hünermann in seiner reichen Lehrtätigkeit in Tübingen verfolgte: das Forschungsprojekt zur „Katholischen Soziallehre in Lateinamerika“, die in Zusammenarbeit mit einer großen Equipe von wissenschaftlichen Mitarbeitern erfolgte Arbeit an der Neuedition des „Denzinger“, der Sammlung der lehramtlichen Aussagen der katholischen Kirche, das die Jahre der Emeritierung begleitende Projekt der Neuübersetzung und Kommentierung der Dokumente des 2. Vati­kanischen Konzils, das in Zusammenarbeit mit Tübinger Kollegen – Bernd-Jochen Hilberath und Ottmar Fuchs – und Schülern wie Helmut Hoping, Roman Sie­benrock und Guido Bausenhart durchgeführt wurde und dessen Bände 2004-2006 im Herder-Verlag erschienen. Seit 2016 arbeitete er im Leitungsteam eines internationalen Folgeprojekts zu einer interkontinentalen Kommentierung der Konzilstexte, das Erscheinen der ersten Bände in den Verlagen Herder und Peeters konnte er noch erleben.

Im Dienst der Reform der Kirche stehen auch die wissenschaftlichen Arbeiten zum Frauendiakonat, die Peter Hünermann bereits seit Mitte der 1970er Jahre vorgelegt hat. Seit der Durchführung eines wissenschaftlichen Kongresses zum Diakonat der Frau 1997 war er dem Netzwerk Diakonat der Frau verbunden.

 

Peter Hünermann ist im Jahr 1968 zum ersten Mal nach Lateinamerika gereist, er hat Verträge mit theologischen und philosophischen Fakultäten und Studienzentren in Buenos Aires, Córdoba, Mendoza und Santiago de Chile geschlossen, in Deutschland hat er Verhandlungen mit der Bischöflichen Aktion Adveniat geführt, so dass das Stipendienwerk Lateinamerika-Deutschland (ICALA – Intercambio cultural alemán-latinoamericano) mit der ersten Kuratoriumssitzung am 16. Juni 1969 seine Arbeit aufnehmen konnte. Es folgten weiteren Reisen, auch in schwierigen Zeiten der Militärdiktaturen in Lateinamerika; diese ermöglichtem ihm, die bewegten gesellschafts-politischen Prozesse sowie die Ausgestaltung der Befreiungstheologien und einer neuen Gestalt des Kirche-Seins zu verfolgen. Bereits 1974 hatte er zusammen mit Gerd-Dieter Fischer den ersten in Deutschland zusammengestellten Sammelband zur lateinamerikanischen Theologie vorgelegt unter dem Titel „Gott im Aufbruch. Die Provokation der lateinamerikanischen Theologie“ (Herder-Verlag). In seiner Einführung weist Peter Hünermann unter Bezug auf den Aufsatz „Zum Strukturwandel der katholischen Theologie im 19. Jahrhundert“ von Bernhard Welte auf die Bedeutung des geschichtlichen Prozesses der Herausbildung einer neuen Gestalt von Theologie in Lateinamerika hin: „Damit greift die lateinamerikanische Theologie eine der bedrängendsten Fragen theologischer Reformansätze des 19. Jahrhunderts in – freilich gewandelter – Gestalt auf: ´die Botschaft des Christentums … neu und aus eigenem und gegenwärtigem Ursprung´ zu denken. Und zu diesem eigenen, gegenwärtigen Ursprung gehört die Einsicht in die politischen, wirtschaftlichen, sozialen Dimensionen menschlicher Existenz und die Frage nach der Bedeutung des Glaubens in dieser so strukturierten, zerrissenen und leidvollen Geschichte.“ Dieser Denkansatz hat viele seiner Projekte im Dialog mit Lateinamerika geprägt, so das zwischen 1986 und 1993 durchgeführte Projekt zur Katholischen Soziallehre in Lateinamerika, in dem viele ICALA verbundene Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mitwirkten. Peter Hünermann hat einige der bedeutenden lateinamerikanischen Theologen, die an ihren jeweiligen Orten wesentliche Impulse für die Entwicklung der Theologie gegeben haben, in ihren Promotionsstudien oder Post-doc-Projekten begleitet, viele von ihnen haben in ICALA-Consejos Verantwortung übernommen oder wirken heute immer noch in den Gremien mit; dazu gehörten und gehören: Juan Noemi (†, Santiago de Chile), Pablo Sudar (Rosario/Argentinien), Eduardo Rodríguez Antuñano (†, Uruguay), Francisco Taborda (Belo Horizonte), Carlos Schickendantz (Córdoba/Santiago de Chile), Joaquín Silva (Santiago de Chile), Carlos Casale (†, Santiago de Chile), Fernando Berríos (Santiago de Chile), Pablo Pagano (Salta), Federico Altbach (Mexiko-Stadt). Peter Hünermann, Vorsitzender von ICALA bis 2001, hat zusammen mit Bernhard Welte und den vielen lateinamerikanischen Freunden und Freundinnen den „Geist“ von ICALA geprägt: Freundschaft und Freiheit gehören zusammen, es geht darum, auf Hu­ma­nität hin zu be­freien, Lebendigkeit des Denkens zu ermöglichen, Freundschaft fruchtbar und konkret werden zu lassen – denn Gott hat uns Menschen seine Freundschaft „konkret“ geschenkt, in Jesus von Nazareth, seinem Sohn, dem Christus. Diese Freundschaft Gottes in Jesus Christus ist eine Freundschaft, die die Gewalt und das Böse der Welt aus­ge­halten und aus­ge­heilt hat, das ist das Zentrum christlicher Erlösungs- und Auferstehungs­botschaft – Peter Hünermann hat daraus gelebt, und wir hoffen, dass er dieses Leben in einer vollendeten Gestalt in der Freundschaft Gottes erfährt.

 

Sein Wirken, seine Freundschaft bleiben ICALA ein Vermächtnis.

 

Margit Eckholt, 22. Dezember 2025

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Nachruf Peter Hünermann
Nachruf Peter Hünermann 22-12-2025 ICALA
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